Worte gegen den Wind ... Die Seite mit kritischer Lyrik und Satire

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Zwei 11. September

Zwei kurze


Der wahre Glaube ist es wert verteidigt zu werden

Im Herbst 1996 nahm ich an einer Lyrikertagung im Schwarzwald teil. (Beim dazugehörigen Gedichtwettbewerb hatte ich zuvor den 3. Platz errungen.) Obwohl ich die zwei Übernachtungen dort selbst bezahlen musste, wollte ich es mir nicht entgehen lassen den Preis persönlich entgegenzunehmen.

Zum Abschluss der Tagung fand eine Lesung der Preisträger statt. Dabei trug ich unter anderem ein Gedicht vor, das den Sinn der zahlreichen Reisen des damaligen Papstes in die Länder der Dritten Welt in Frage stellte. Es bekam viel Beifall.
Am Ende der Lesung drängte sich ein älterer Herr durch die Menschenmenge vor dem Podium. Mit puterrotem Gesicht und hasserfülltem Blick steuerte er geradewegs auf mich zu.
Der Herr war mir bereits bekannt: Es war der pensionierte Direktor der Niederlassung einer Schweizer Großbank, der auch Gedichte schrieb, die er in Büchern veröffentlichte, deren Herausgabe er selbst bezahlte.
Wie ich es wagen könne, den Heiligen Vater in den Dreck zu ziehen, geiferte er mich unvermittelt an. Er fühle sich persönlich angegriffen dadurch.
Ich war perplex. "Tut mir leid, wenn ich Ihre religiösen Gefühle verletzt habe", sagte ich. Das sei nicht meine Absicht gewesen. Aber Kritik müsse doch erlaubt sein, auch am Papst. "Und Sie sind ja schließlich nicht der Papst und der Papst ist nicht der liebe Gott."

Das war Öl ins Feuer. Der Schweizer hob seinen rechten Arm.
Gleich geht er auf mich los, dachte ich, versuchte beschwichtigend zu lächeln und überlegte gleichzeitig, was ich tun sollte, wenn er mich wirklich schlagen würde. Schließlich war er mindestens 20 Jahre älter als ich. Er wagte es aber nicht. Und ein paar der Leute, die uns umringten, wären auch bestimmt dazwischengegangen.
In der Jury habe er noch für mich gestimmt, sagte der Bankier mit erbitterter Miene, aber wenn er das geahnt hätte … "Ich entziehe Ihnen hiermit mein Votum!", verkündete er. "Und ich erkenne Ihnen den Preis ab, Sie haben ihn nicht verdient."

Was sollte ich tun? Den Preis zurückgeben konnte ich schlecht, ich hatte ihn ja noch gar nicht erhalten. (Er bestand in der kostenlosen Veröffentlichung dreier Gedichte in dem Verlag, der den Preis ausgeschrieben und die Tagung veranstaltet hatte.)
"Dazu ist es jetzt wohl zu spät", sagte ich also. Das sah er dann wohl ein, denn er drehte sich wortlos um und ging.

500 Jahre früher aber und er hätte mich wahrscheinlich - korrekterweise erst nach Folter und peinlicher Befragung - auf einen eidgenössischen Scheiterhaufen gezerrt. Nein, zerren lassen. Aber er war ja nur ein kleiner Bankdirektor aus der Schweiz des 20. Jahrhunderts und nicht der Großinquisitor. Gott sei Dank und seinem Stellvertreter!

Aus der ersten Reihe der Umstehenden trat ein anderer, noch älterer Herr auf mich zu und …
… klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter.
"Nehmen Sie sich das nicht zu Herzen", sagte er. "Mir hat Ihr Gedicht gefallen. Ich mag ihn auch nicht, den Papst."
Noch einer also, der mich missverstanden hatte, allerdings auf sympathischere Art als der dichtende Bankdirektor.
Ein Bankdirektor, ausgerechnet! Und aus der Schweiz. Dem Land, das zwar mit der Schweizergarde sozusagen die Security des Vatikans stellt, das aber auch gerne und mit Gewinn das zusammengeraffte Vermögen von Mafiosi, Diktatoren und Steuerhinterziehern aus der ganzen Welt verwaltet.
Im Nachhinein denke ich, die Gefühle dieses Moralisten waren es doch wert ein bisschen verletzt zu werden.
Der Moderator der Tagung besänftigte schließlich die aufgewühlte Stimmung im Saal und ermahnte alle Anwesenden: Man dürfe ruhig unterschiedlicher Meinung sein, solle dabei aber doch bitte anständig bleiben.
Wen er damit meinte, sagte er allerdings nicht.

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